Papierhaut

Eine Leserin hat uns einen Text geschickt, der die Intensität und die Heftigkeit der Gefühle von Borderline-Betroffenen gut beschreibt. Danke, Elisabeth!

„Das, was Du immer am schwierigsten fandest, war, anderen zu vermitteln, wie es sich anfühlt, Du zu sein. Das hatte zum einen damit zu tun, dass Du nicht besonders gut darin warst, über Deine Gefühle zu sprechen (schon gar nicht, wenn Du mal wieder 15 davon zur selben Zeit hattest), zum anderen, weil es für „normale“ Menschen so schwierig war, das nachzuvollziehen.

Marsha Linehan, die Erfinderin der DBT, vergleicht Borderline-Patienten mit Menschen mit schweren Verbrennungen: Sie haben, buchstäblich, keine Haut mehr, die sie vor äußeren Einflüssen schützt. Während das bei Verbrennungsopfern für alle weithin sichtbar und nachvollziehbar ist, ist das emotionale ohne-Haut-sein für andere unsichtbar und meist auch unverständlich. Wie soll auch jemand verstehen können, dass ein Blick, eine Bemerkung ausreichen können, um Dich in eine solche Krise zu werfen, dass Du nur noch sterben willst? Natürlich ist das nicht „normal“.

Die Gründe dafür – alte Verletzungen, Ängste und ein sich selbst verstärkendes System von negativen Gedanken über sich selbst – können verständlich gemacht werden, doch das bedarf oft viel Arbeit in der Therapie und jemanden, der die Entstehung von Borderline erklären kann. Nichts für ein Gespräch zwischen Tür und Angel also.

Und so bleibt oft das Unverständnis der Umwelt – „Warum regst Du Dich darüber so auf?“ „Nimm das doch nicht so schwer!“ „Du musst Dir wirklich ein dickeres Fell zulegen“ und das Gefühl, eine Haut aus Papier zu haben. Du hast irgendwann aufgehört, darüber zu sprechen, wie es Dir geht, weil Du Dir nicht noch weiter weh tun wolltest. Mit dem Ergebnis, dass Du natürlich keine engeren Beziehungen mehr hast seitdem, was ein ganz eigener Schmerz ist, aber immer noch besser, als immerzu missverstanden und abgelehnt zu werden. Ganz besonders von den Menschen, die es gut mit Dir meinen.

Du hast gelernt in der Therapie – langsam, mühsam – Deine Gefühle und Gedanken zu beobachten und zu benennen, wenn sie anfangen, wieder außer Kontrolle zu geraten. Dir war nicht klar, was für eine Masse an Gedanken Du haben konntest, ohne es mitzubekommen. Und wie diese Gedanken Gefühle hervorrufen konnten, und diese Gefühle noch mehr Gefühle oder noch mehr (meistens negative) Gedanken, und in kürzester Zeit warst Du mitten drin in einem riesigen Aufruhr. Früher hättest Du, verzweifelt und in einem Anfall von Selbsthaß, den schnellsten Weg aus dem Aufruhr hinaus gesucht. Oft waren das Dinge, die Dir geschadet haben: Alkohol, zu viel essen, Selbstverletzung. Sie waren hilfreich, um in dem Moment den Kreislauf zu unterbrechen, doch die darauf folgende Scham und Hoffnungslosigkeit zogen Dich meist nur noch tiefer in den Sumpf hinein. Erst durch die DBT-Skills, die Du in der Therapie gelernt hast, warst Du imstande, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Weil Du regelmäßig Achtsamkeit geübt hast, konntest Du Deine Gefühle und Gedanken früher erkennen und sehen, dass Du auf dem Weg in eine Krise warst. Weil Du Dir Methoden erarbeitet hattest, mit denen Du Dich selbst beruhigen konntest – Dich auf Deinen Atem konzentrieren, Dir einen Tee machen, Dir kaltes Wasser über die Händer laufen lassen – konntest Du den Kreislauf zum Stillstand bringen.

Das hat natürlich nicht von einem Tag auf den anderen funktioniert, im Gegenteil, es war harte Arbeit. Oft genug hast Du es auch nicht geschafft, und bist doch in altes, ungesundes Verhalten zurückgefallen. Mit Deiner Therapeutin hast Du dann analysiert, was passiert ist, und hast Strategien entwickelt, was Du beim nächsten Mal anders machen könntest.

Das erste Mal, als Du es geschafft hast, den Kreislauf zu unterbrechen, war wie ein Wunder. Du hast nicht daran geglaubt, dass es möglich wäre. Immerhin hattest Du so viele Jahre vergeblich dagegen angekämpft. Und jetzt hatte Dir plötzlich jemand Werkzeuge in die Hand gegeben, mit denen Du den Schmerz in den Griff bekommen konntest. Plötzlich warst Du ihm nicht mehr ausgeliefert. Plötzlich gab es wieder Hoffnung für Dein Leben.“


Dieser Text erscheint im Rahmen der Blogparade „Chancen, Wege und Methoden die Gedanken an Suizid zu vertreiben“ der Telefonseelsorge zum Welttag der Suizidprävention am 10. September.

Man schätzt, dass etwa 10% der Borderline-Betroffenen irgendwann Suizid begehen, Suizidversuche sind viel, viel häufiger…

Sorgen kann man teilen. 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 Der Anruf ist kostenfrei!

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